Ich bin weg

Vor einem Jahr bin ich von Erfurt nach Bern gezogen und lebe nun seit einem Jahr in der Schweiz.

Was hat sich geändert:

Mein gesamtes Leben. Neben der neuen Arbeit lebe ich in einer neuen Stadt mit meinem neuen Partner. Ich reise mehr. Ich fahre mehr Fahrrad. Ich benutze öffentliche Verkehrsmittel. Ich lerne neue Leute kennen. Ich lerne und verwende neue Sprachen. Ich bin gelassener geworden. Ich habe kein Auto mehr. Ich sehe meine Familie weniger, habe dafür aber gefühlt mehr Kontakt zu ihnen. Ich habe andere Freunde. Der Kontakt zu meinen Freunden aus der Heimat ist spärlich. Ich muss planen, wen ich wann sehen kann, wenn ich mal in die Heimat fahre. Bislang hat mich ein Freund besucht. Die Alpen sind quasi vor der Haustür, der Wald dahinter, das Freibad um die Ecke. Italien liegt näher und die Ostsee weiter weg.

Was ist gleich geblieben:

Ich habe vieles aus der Heimat mitgenommen. Mein ganzer Hausrat. Meine Vergangenheit, an die ich mich gerne erinnere und aus der ich manchmal Geschichten erzählen kann, zu Menschen, die mich danach fragen. Ich mache weiter Sport. Ich gehe gerne tanzen und arbeite auch zu viel. Die Lust am Leben.

Was ist gut:

Die Alpen. Baden in den kalten Flüssen im Sommer. Die Sonne im Tessin im November. Schlittschuhlaufen in Interlaken im Winter. Rodeln in Grindelwald. Der Sonnenuntergang im Rosengarten. Meine neue Wohnung. Meine neue Arbeit. Meine neuer Partner. Der zuverlässige Öffentliche Verkehr. YB im Stade de Suisse. Keine materiellen Sorgen zu haben.

Was ist nicht gut:

Nach Hause sind es 650 Kilometer. Ich darf nicht wählen. Ich bin Ausländer. Die Schweiz ist nicht in der EU.

Was hat mich bereichert:

Ich bin selbstsicherer und nicht mehr so arrogant. Wenn ich etwas nicht kann oder weiss, sage ich es. Ich probiere mehr Sachen aus und bin nicht mehr so gestresst, wenn ein Plan fehl schlägt.

Was fehlt mir:

Der Kontakt zu meinen Freunden aus der Heimat ist spärlich. Ich muss planen, wen ich wann sehen kann, wenn ich mal in die Heimat fahre. Bisher hat mich ein Freund besucht. Das Donnerstag-Abend-Radler und die geistreichen Gespräche im CKB.

Was würde ich anders machen:

Beim Auszug aus der Heimat habe ich mir Zeit gelassen, die Wohnung noch ein halbes Jahr behalten und musste diese dann noch einmal komplett entrümpeln und malern.

Was ist mein Fazit:

Die Entscheidung zu gehen, war richtig. Es war ein grosser Schritt, wirklich alles hinter mir zu lassen und ich habe mich einige Male gefragt, ob das jetzt schon Teil dieser 40er-Krise ist oder nicht. Ich fühle mich nicht so, dass ich etwas aus einer Notsituation heraus entschieden habe. Es gab eine Chance und ich habe sie genutzt. Ich würde es wieder so machen.